Die laute Stimme, Verwandlung
The writer show with a trivial event the social problems of Cuba.

Solution

 

Zorn

 

Die fleischfressende Blüte, die mir ein Gärtner geschenkt hatte, lag auf einem mit Wasser gefüllten Teller. Schon nach einem Tag begann sie sich zu zersetzen.

Ich sah das Ausbleichen, das sich Auflösen der scharlachroten Blütenblätter � pflanzliche Fleischbeschau. Der verwesende Geruch in meinem Hotelzimmer war ekelhaft.

 

Mittagstisch, Mittagsruhe, Ruhepolster jenseits vom Straßenschrott � nachdem ich in der Altstadt auf und abgegangen war. In Reichweite meiner Hand die Gedichte von Gabriela Mistral. Meine Leselust endete, als eine schrille Stimme mich aufschreckte und meine Brille zu Boden fiel. Die Stimme drang von der Gasse herauf, ich hörte immer wieder dieselbe Wortreihe, die ich nicht verstehen konnte, denselben Satz in der gleichen Tonart und dazwischen gespannte Stille. Dann wieder die Stimme dieser Frau, ihren aggressiven, schnarrenden, zischende Wortschwall. Weghören war unmöglich. Was war passiert? Eine drohende Entlassung? Eine Haftstrafe? Eine Polizeirazzia? Hatte der letzte Hurrikan ihr Haus verwüstet? Wahrscheinlich stieß sie eine Reihe von Beleidigungen aus, weil sie das Leben nicht mehr ertragen konnte. Sie quälte damit auch andere Ohren. Ein Mann schrie zurück, doch mit jeder wütenden Reaktion geschah ihr wieder Unrecht. Hunde bellten dazwischen. Schließlich versuchte jemand zu beschwichtigen. Wer war diese Frau? Ich öffnete den Fensterladen, beugte mich vor, konnte aber nur die desolate Dachlandschaft von Alt-Havanna sehen und die gegenüberliegende Palast-Fassade mit einem Haufen Mist. Dann läutete das Telefon. Ob ich morgen schon das Hotel verlasse. Nein, ich benötige noch zwei Tage, es muss noch einiges geklärt werden. Meine Übersetzerin wird mich abholen und mit mir ins �Haus der Poesie� gehen.

 

Drei Stockwerke unter mir schrie wieder die Frau. Sie musste vor dem Hotel auf und abgegangen sein, die kurze autofreie Gasse bis zur Kathedrale vor und wieder zurück. Ein Tropengewitter, so hoffte ich, würde sie vertreiben, aber an diesem Nachmittag blieb der Regen aus. In meiner Ratlosigkeit schaltete ich den Fernseher ein, volle Lautstärke, eine Theateraufführung aus Peking, die Schauspielerinnen in kostbarer Seide, dann das Staatsfernsehen. Castro auf dem Bildschirm kam wie gerufen. Der Maximo Lider saß weißbärtig in einer olivgrünen Kampfjacke da. Auffallend, dass er mit dem Zeigefinger, dem Finger des Herrn dozierte und damit das kollektive Gewissen seiner Landsleute befragte. Aber die meisten Menschen, wenn sie sich entmündigt fühlen, haben Sehnsucht nach einem anderen Leben.

 

Am nächsten Morgen machte ich mich auf die Suche nach einem Obstladen.

In eine der Seitengassen, in denen mit der Restaurierung der Kolonialhäuser begonnen wurde, verschnaufte auf einer Stufe aus Muschelkalk ein alter Mann, als erholte er sich, an die Hauswand gelehnt von seiner Muskelarbeit. Seine Vorfahren, dachte ich, waren Sklaven, eine erstaunliche Ruhe ging von ihm aus. Auf den schmalen Gehsteigen, ich hielt mich daran, im Hausschatten zu gehen, machten die Menschen Platz, auch die jungen afrokubanischen Frauen in engen Bermudas, Frauen, ebenfalls von Sklavinnen abstammend mit schön modellierten Gesichtern und zielstrebigen Bewegungen. Selbst  im Gedränge  wurde ich nie gestoßen, geschoben, geschubst, angerempelt, doch immer wieder mit einem stummen Blick oder einer mir entgegen gestreckten Hand nach Pesos gefragt.

 

Im Museum de Bellas Artes. Stromausfälle. Ich blieb vor einem  Kopf mit Schlangenhaaren und weit aufgerissenen Augen stehen. Es war das Steinrelief einer griechischen Rachegöttin. Über Mund und Kinn ein Streifen Rost wie getrocknetes Blut. Eine Göttin, die vor Gier sogar den Rost verschlingt, das war bizarr. In dem Augenblick, in dem ich die Rache auf mich bezog, quälte mich wieder die Stimme,

die Stimme der Verrückten, die ich nie zu Gesicht bekam. Diese zornige, geifernde Litanei hatte sich in meinem Kopf eingenistet, wiederholte sich und hallte durch die hohen Räume. Ich gab dieser Stimme ein Alter, eine Geschichte. Eine Überlebensgeschichte, die noch nicht erzählt worden ist. Doch wer weiß. Auf der Fahrt zum Flughafen war sie  allgegenwärtig �  an den Hauseingängen, am Straßenrand, an der Haltestelle beim Warten auf den überfüllten Bus, noch ehe das Taxi in die Zufahrtsstraße eingebogen war. 

    

   

Lisa Fritsch

 

Plankengasse 1/7

1010 Wien