Kein Applaus für Scheiße
A two-act play for a school and a theatre

Solution

Den schulischen Theaterbesuch zum individuellen Erlebnis machen

Wir basieren unsere Kampagne �Kein Applaus für Scheiße� auf dem Theaterbesuch im Klassenverband, um Jugendliche aller Bildungsschichten zu erreichen. Neben einem Kooperationsnetzwerk (kommunikativ und inhaltlich) zwischen Schule und Theater wird eine Mitbestimmung der Schüler/innen eingeführt. Außerdem sollen die jungen Zuschauer/innen mit ihren eigenen, ganz persönlichen Eindrücken konfrontiert werden.

Herzstück unserer Überlegungen ist es, über den Theaterbesuch zu vermitteln, dass Theater einen ganz persönlichen Schau- und Erlebniswert hat, der für jeden anders ist. Das Gefühl der schulischen Theaterpflicht soll ausgetauscht werden durch das Bewusstsein, dass der Theaterbesuch einen direkten Bezug zum/zur jeweiligen Zuschauer/in hat.


Erster Akt
Hinleitung
Wir, das Team �Letzer Drücker�, haben als Darstellerinnen und Theaterpädagoginnen schon in unserer Kindheit und Jugend viele Berührungspunkte mit Bühnenaktivitäten gehabt: Wir haben in Theatergruppen gespielt, gesungen, moderiert und uns durch sämtliche Provinzfeste und -bühnen getanzt.  Aber: Wir sind nur sehr selten ins Theater gegangen.
Als wir dies realisierten, waren wir, mittlerweile begeisterte Theatergängerinnen, selbst sehr überrascht über unser jugendliches Desinteresse am Theater - gerade deshalb, weil für uns beide schon damals in den Grundzügen klar war, dass wir selber professionell auf die Bühne wollten.
Wir haben lange überlegt und diskutiert, wie sich dieses Desinteresse an Inszenierungen mit dem gleichzeitigen Wunsch, später selbst ein �Theatermensch� werden zu wollen, vereinbaren lässt. Wir sind zu folgendem Schluss gekommen:
Wir kommen beide aus kulturell eher mäßig interessierten und engagierten Familien. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir unser kulturelles bzw. Bildungskapital, um es nach Bourdieu zu sagen, zu großen Teilen schulischen Institutionen verdanken. Hier wurde uns z.B. beigebracht, dass es zum guten Ton gehört, Bücher zu lesen, bestimmte Komponisten zu kennen, Stellen aus dem �Faust� rezitieren zu können und dass Theater ein wichtiges kulturelles Erbe unserer Gesellschaft ist. Das bedeutet auch, dass der Kontrast zwischen unserem Familienhintergrund und den vermittelten Bewertungs- und Beurteilungsschemata der Schule es erschwerte, selbstverständliches Interesse am Theater zu wecken.
Als Jugendliche  sind wir ausschließlich mit unserer Schulklasse ins Theater gegangen. Daher benutzen wir das Konzept des Theaterbesuchs im schulischen Rahmen für unsere Kampagne, da es auch Jugendlichen aus bildungs- oder kulturfernen Schichten ermöglicht, ins Theater zu gehen. Aber: Ein Schultheaterbesuch ist immer mit einem Bildungsauftrag und einer klaren Intention verbunden, die meist mit dem gerade behandelten Unterrichtsstoff zusammenhängt. Damit wird suggeriert, dass eine Theaterinszenierung genau so bewertet werden soll wie ein Aufsatz des Schülers. Das bedeutet auch, dass sich die eigene Meinungsbildung in Bezug auf das gesehene Stück direkt proportional zu dem Willen, bei der Lehrerin/dem Lehrer Eindruck zu schinden (oder auch nicht), verhält. Dadurch wird der Theaterbesuch für den Schüler zu einem fremdbestimmten und tendenziell unfreiwilligen Ereignis. Wir dagegen sind überzeugt, dass nur die Freude und die persönliche Erlebnisqualität an einem Theaterstück die weitergehende Beschäftigung mit dem Theater hervorrufen kann und die Zuschauer/innen zu regelmäßigen Theaterbesucher/innen macht.

Zudem beeinflusst der direkte Austausch mit der Peer Group, also den Klassenkamerad/innen, die Wertung des Stückes sehr entscheidend. Der Meinungsbildungsprozess ist gerade im jüngeren Alter noch sehr fragil, insbesondere wenn es sich um Institutionen wie Theater handelt, zu denen man keinen Bezug hat. Eine eigenständige Meinungsbildung und bewusste Wahrnehmung ist allerdings eine Grundvoraussetzung, um einen persönlichen Bezug zu einem Stück herzustellen, sich nachhaltig daran zu erinnern und eine Erlebnisqualität zuzulassen. Diese Faktoren sind entscheidend dafür, ob man später Lust hat, nochmal ins Theater zu gehen.


Zweiter Akt
Unsere Idee
Unsere Kampagne �Kein Applaus für Scheiße� besteht aus Überlegungen zu Netzwerken/Public Relations, konzeptionellen Veränderungen im Umgang mit dem Medium Theater sowie kommunikativen Maßnahmen.


Zweiter Akt, erster Aufzug
Kooperation zwischen Theater und Schule
Wir schlagen eine Kooperation zwischen Schule und Theater vor, bei der jede teilnehmende Schulklasse einmal im Schulhalbjahr eine Inszenierung des Theaters besucht. Eine Bezugsperson aus dem Theater (in unseren Ausführungen ein/e Theaterpädagog/in), besucht die teilnehmenden Klassen und stellt verschiedene, potentielle Stücke der kommenden Spielzeit vor. Die Stücke werden jedoch über die kurze Vermittlung ihres Inhalts - also einer dramatischen Geschichte - und nicht über Titel und Namen des Autor vorgestellt. Es wird schließlich eine anonyme Wahl angeleitet, bei der die Schüler/innen entscheiden können, welche Geschichte  sie anspricht und sie auf der Bühne sehen wollen. Die Geschichte und damit das Stück mit den meisten Stimmen wird einige Zeit später mit dem Hinweis veröffentlicht, dass dies die Entscheidung der beteiligten Schulen und Klassen war. In der nächsten Spielzeit wird das gewählte Stück inszeniert und mit den Schüler/innen angeschaut. Dieser Prozess wird zu Beginn eines jeden Halbjahres wiederholt.
Außerdem beinhaltet der erste Besuch des/der Theaterpädagogen/in einen Workshop, der kreativ-assoziative Schreibtechniken vermitteln soll. Mithilfe dieser Techniken sollen die Schüler/innen lernen, frei und unmittelbar ihre Gedanken, Gefühle und Assoziationen festzuhalten und sich von eingefahrenen Schreibmustern zu lösen.
Mit dem Ausblick, diese Techniken für die Schreibaufgabe, die ihnen beim Theaterbesuch eröffnet und untenstehend erklärt wird, nutzen zu können, wird der Workshop abgerundet.

Diese Vorgehensweise hat folgende Vorteile:
Die Partizipation an der Stückauswahl weckt einerseits Neugier und Interesse, zum anderen wird den Schülern dadurch ein Gefühl von Wertschätzung vermittelt.
Außerdem wird ihnen durch die Vermittlungsform klargemacht, dass im Theater genau so Geschichten verarbeitet werden wie in Fernseh- oder Kinofilmen, die vielen als Medium vertrauter sind. Theater wirkt dadurch weniger exklusiv und wird deshalb zugänglicher.
Die Regelmäßigkeit der Theaterbesuche gibt den Schüler/innen die Möglichkeit, sich in ihrer Wahrnehmung zu entwickeln. (Wenn wir dies behaupten, so gehen wir davon aus, dass sich Seh- und Hörgewohnheiten entwickeln können und verändern.)
Nicht zuletzt bringt die Kooperation sowohl für die Schule als auch das Theater große Profilierungsvorteile: Gerade in Gegenden mit starken Geburtenrückgang müssen Schulen immer mehr um ihre Existenz kämpfen. Eine kulturelle Profilierung mit Hilfe des Theaters macht sie wettbewerbsfähiger. Das Theater wiederum profitiert von einer nachhaltigen Verbindung zu den jungen Zuschauer/innen und rückt sich damit als potentielle Freizeitaktivität ins Bewusstsein.


Zweiter Akt, zweiter Aufzug
Den Theaterbesuch zum persönlichen Erlebnis machen
Unsere Idee ist es, direkt im Anschluss an das gesehene Stück den Meinungsbildungsprozess so unmittelbar abzufangen, dass die jungen Zuschauer/innen gewissermaßen angehalten sind, vor dem Austausch und dem Einfluss von Autoritäten (Lehrer/innen) und Peer Group zu reflektieren, was sie gesehen haben und was das in ihnen bewegt hat.
Hierfür wird den Schüler/innen von dem/der Theaterpädagog/in folgende Aufgabe mit in die Inszenierung gegeben:
�Bitte setzt nach dem Schlussapplaus die schalldichten Kopfhörer, die ihr an den Rückenlehnen der Sitze findet, auf. Nun habt ihr 10 Minuten Zeit, für euch die Momente oder Anregungen, die euch persönlich im Stück berührt, irritiert, verärgert, erfreut, fasziniert, erstaunt, zum Nachdenken angeregt - kurz: etwas in euch bewegt haben - fest zu halten. Euer Text wird hinterher nicht veröffentlicht, verglichen oder diskutiert, sondern soll eine Erinnerung für jeden Einzelnen an das sein, was ihr heute Abend erlebt und gesehen habt. Zettel und Stifte findet ihr an den Rücklenlehnen der Sitze.�

Dieser Schreibauftrag soll eine Bewusstwerdung und Sensibilisierung in den Schüler/innen hervorrufen: Die Schüler/innen sollen durch das Schreiben lernen, aufmerksam für das zu werden, was das Geschehen auf der Bühne in ihnen auslöst und sich damit selbst ganz konkret in Beziehung zum Stück zu setzen. Diesen Prozess empfinden wir als unumgänglich für ein weiterreichendes Interesse am Theater und für unser Ziel, den Theaterbesuch im schulischen Rahmen zu einem Erlebnis zu machen.
Überdies: Dadurch, dass die Jugendlichen nach der Vorstellung ihre eigenen Eindrücke fixiert haben, können sie sich in gewisser Weise davor schützen, sich blindlings der Meinung der Peer Group und/oder der Lehrer/innen anzuschließen, da sie andere Meinungen nun in Relation zu ihrem eigenen Bild setzen werden. Hiermit findet eine Auseinandersetzung zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung statt. Und: Durch die eigene Bewusstwerdung ist man nicht zwangsläufig einem schulischen, aufoktruyierten Kulturverständnis gefolgt, sondern kann dem gegenüber seine eigene Meinung bilden und verteidigen.
Wir denken, dass diese Auseinandersetzung identitätsstiftend für Zuschauer/innen im jungen Alter ist oder sein kann. Wenn Theater als Medium zur Identitätsfindung beitragen kann, ist das sowohl für den Jugendlichen, als auch ihrem Bezug zum Theater positiv.


Zweiter Akt, dritter Aufzug
Kommunikative Ebene
Kommunikativ wird das Konzept durch eine Plakatkampagne an den rekrutierten Schulen unterstützt. Der Hauptclaim �Kein Applaus für Scheiße� wird auf den Plakaten durch folgende Frage-Antwortkombination (Sub-Claims) ergänzt:

Goethe oder Jelinek?
Ist das Kunst oder kann das weg?
Ganz großes Kino oder flache Vorstellung?
Du entscheidest.

Diese Slogans sollen die jungen Zuschauer/innen auf ihre eigene Entscheidungs- und Wahrnehmungsfreiheit aufmerksam machen und verdeutlichen, dass nur sie als Publikum entscheiden, was Erfolg hat, welche Ästhetik gefällt, was berührt, zum Nachdenken anregt oder unterhält, und nicht, wie etwas gesellschaftlich oder schulisch als �(Hoch)kultur� und damit �gut/sehenswert� deklariert wird.

Zusätzlich werden Edgar Cards, die auf der Vorderseite nur den Slogan �Kein Applaus für Scheiße� enthalten, hergestellt.  Bei ihren Besuchen an der Schule verteilt der/die Theaterpädagog/in diese als eine Art Visitenkarte an die Schüler/innen. Auf der Rückseite befinden sich die oben genannten Sub-Claims sowie die Adresse des Theaters und des/der betreuenden Theaterpädagog/in.
Dadurch wird der Kontakt zum Theater und dem/der Theaterpädagogin verbindlicher. Es soll deutlich werden, dass das Theater sich in seinen Inszenierungen durchaus auch an den Interessen der Zuschauer/innen orientieren will. Es liegt also sowohl im Interesse des Theaters als auch des Publikums, keine �Scheiße�, sondern Stücke mit Erlebniswert zu zeigen bzw. zu sehen.